Was hat das Lymphsystem mit chronischem Schmerz und Entzündung zu tun?

16.10.2017

Chronische Schmerzen und wiederkehrende oder therapieresistente Entzündungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbilder in allgemeinärztlichen oder fachärztlichen Praxen. Sie werden oft als eigenständige Krankheiten oder als Folge von einer anderen Erkrankung sowie nach Unfall, Verletzung und Operation diagnostiziert. In den letzten Jahren hat zunehmend der Begriff "Schmerzgedächtnis" Einzug gehalten. Hiermit wird zunächst ein übergeordneter, mentaler oder nervaler Prozeß im Gehirn assoziiert. Anhand dieses Artikels möchte ich zudem die Schmerz- und Entzündungsfixierung auf körperlicher Ebene anhand des Lymphsystems erläutern, sowie sinnvolle Möglichkeiten aufzeigen, wie diese behandelt werden können. Das Lymphsystem ist ein hochkomplexes Gefäßsystem, das neben den Arterien und Venen den Körper mit einer ungefärbten Flüssigkeit durchzieht. Diese enthält genauso viel Eiweißbestandteile wie das rotgefärbte Blut, deutlich mehr Zellen des Immunsystems (weiße Blutkörperchen) und ist viel weiter verzweigt als das blutführende Gefäßsystem. Die Wände in den kleinen Lymphgefäßen sind sehr dünn und leicht komprimierbar. Die Vor- und Nachteile werde ich später noch erläutern. Nur die Lymphbahnen reichen nah genug an die Zellwände ran, um am Stoffaustausch beteiligt zu sein. Die Lymphe befindet sich somit in der "extrazellulären Matrix". Keine Körperzelle ist mit der nebenliegenden verklebt. Ähnlich einer Backsteinmauer steht jede Körperzelle für sich einzeln da und wird über eine Art Fuge von der anderen getrennt, bzw. steht über diesen Zwischenraum mit der angrenzenden Zelle in Kontakt. In dieser Fuge ist das Drainagesystem der Lymphe integriert.

Die Lymphe transportiert folglich im Blut gelöste Substanzen näher an die Zellwand heran, wo sie durch Zellwand-Proteine ins Innere geschleust werden können. Umgekehrt nimmt sie Verbrauchssubstanzen wieder auf und gibt sie an das Venenblut ab oder transportiert diese selber zu den nächst größeren Bahnen und dann zu den Hauptstrombahnen weiter. Die Lymphe mischt sich dann im Brustkorb mit dem Blut, welches zur Leber fließt. Hier kommt es dann letztendlich zur Verstoffwechslung und Entgiftung der Zellabbauprodukte, die über die Galle mit dem Stuhl oder über die Niere mit dem Urin ausgeschieden werden. Lymphbahnen sind hauchdünn, leicht komprimierbar, besitzen aber ähnlich der Darmwand die Eigenschaft zur Autokontraktion. Bei Füllung wird also mehr transportiert um die Zellen und den Zell-Zwischenraum vor Rückstau zu bewahren. Folglich kann ein massives Anfluten von Zellabbauprodukten, auch bei Zellzerfall, durch Unfall oder Infektionskrankheit mit einer Überlastung der Transportkapazität einhergehen. Zeichen dafür sind verbleibendes Schwellungsgefühl, Zähigkeit, Instabilität, Immobilität, und vor allem Schmerz. Durch eine Überdehnung der Gefäßwand kommt es zu einer Stimulation von Schmerzrezeptoren, die mit den Lymphbahnen vernetzt sind. Durch den Rückstau von teilweise sehr aggressiven Stoffwechselendprodukten (Homo-Toxine, freie Radikale, Nitrosamine, etc....) wird eine lokale Entzündungskaskade losgetreten, um den drohenden Schaden im Gewebe einzugrenzen. Dies wird über Botenstoffe (Zytokine, Komplementfaktoren, Hormone und andere, hormonähnliche Substanzen) vermittelt. Es kommt lokal zu Schwellung durch Flüssigkeitseinlagerung, um eine Art Schutzwall um die betroffene Stelle zu legen. Dies komprimiert die Lymphbahnen und stoppt die weitere Ausbreitung auf den gesamten Körper (Beispiel Insektenstich). Bei der Chronifizierung einer Entzündung und damit Schmerz ist diese primäre Reaktion beteiligt, kommt aber nicht zur Ruhe. Denn der Körper ist eigentlich bestrebt, die Entzündungskaskade durch andere Botenstoffe wieder auszubremsen, bzw. eine vollständige Reparatur im Gewebe zu ermöglichen. Kommt diese primäre Entzündung nicht zum Ausheilen, muss eine persistierende Strukturverletzung (Bakterien, Fremdkörper, Fraktur...) ausgeschlossen werden, was durch relativ einfache und klare diagnostische Schritte gemacht werden kann (Palpation/Untersuchung, Röntgen, CT, MRT, Abstrich, Probengewinnung...). Sehr häufig findet sich aber keine nachvollziehbare Strukturläsion und somit kein Zugangspunkt über Operation oder Medikamente, weil die Entzündungskaskade im chemischen Kreislauf blockiert ist und durch einen persistierenden Lymphstau aufrechterhalten wird. Man spricht dann von einer "low-grade-Entzündung). Typisch ist dies bei Fybromyalgie und anderen pseudorheumatischen Erkrankungen sowie bei muskulären Schmerzsyndromen und Rückenschmerzen. Auf diesen Zusammenhang wird in einem anderen Artikel eingegangen werden. Interessanterweise ist nachgewiesen, dass gerade die Nichtstroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Diclofenac, Ibuprofen und ähnliche als Schmerzmittel nach mehrtägiger Einnahme besagte Gegenregulation des Körpers hemmen und eine Ausheilung verhindern können. Die Schmerzwahrnehmung wird gedämpft, weshalb es zu Langzeiteinnahmen kommt. Die Ausheilung und eigentliche Regulation des Körpers in seine chemische und strukturelle Balance findet nicht statt. Durch den gestörten Schlackenabtransport im Gewebe kommt es in den Zellen zu einem eingeschränkten Zellstoffwechsel, was bis zur Ausbremsung der Mitochondrien und ihrem Zitrat-Zyklus führen kann. Die Folge ist Muskelsteifheit, Muskelschmerz (Triggerpunkte), Verkürzungsgefühl und das Gefühl von bleibendem Muskelkater. Fehlt jetzt aber die Beweglichkeit, die die Flüssigkeitszirkulation im Körper unterstützt, dann kann es zu einem zusätzlichen Eindicken der Lymphe im Extrazellular-Raum kommen. Ein passendes Beispiel ist die frisch gekochte Hühnersuppe, die über Nacht stehengelassen, eine Gelee-artige Konsistenz aufweisen kann. Erst das Erhitzen, und somit Bewegen, sorgt für eine Verflüssigung. Aus diesem Grunde sind Massagen oft nicht nachhaltig, da sie nur lokal eine Bewegung im passiven Zustand erzeugen. Hinzukommt, dass die nervale Versorgung des Lymphsystems über das autonome Nervensystem alleinig durch die Aktivität des Sympaticus (anregend, tonisierend, anspannend) erfolgt. Der Parasympaticus als Gegenspieler hat keine direkte Wirkung auf die Muskelzellen der Lymphbahnen. Er wird vorher auf die Nervenfasern des Sympaticus verschaltet. Langfristig gesehen ist dies vom Nachteil, weil persistierender Schmerz Stress auslöst und somit den Sympaticus befeuert, der bei zu viel Aktivität und fehlender Hemmnis seines Gegenspielers eine Starrheit der Muskelzellen im Lymphsystem erzeugt. Dies ist der fließende Übergang zum bio-psychosozialen Erklärungsmodell für chronifizierten Schmerz. Es kommt somit zu einem Teufelskreislauf aus lokalem, chemischen Problem mit fehlender Ausheilung und lokaler Stoffwechselkrise und systemisch (den ganzen Körper) betreffendem Lymphstau, was wiederum lokal die Regulationsmechanismen hemmt. Dieses Wissen wird meines Erachtens viel zu wenig genutzt. Selbst in den operativen Fächern wie Chirurgie, Gynäkologie, Kieferchirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, die ja wissentlich die Lymphbahnen durchtrennen, wird postoperativ viel zu wenig der Lymphfluss korrigiert oder wieder ermöglicht. Da die Lymphkapillaren nicht einsehbar sind, werden sie als unwichtig erachtet. In der orthopädischen Medizin wird darauf schon deutlich mehr Rücksicht genommen, alleine, weil dadurch die Operationsergebnisse besser sind. Was ist daher empfehlenswert? Chronische Schmerzen und Entzündungen, bei denen eine auslösende und persistierende Schädigung ausgeschlossen wurde, sollten unbedingt auf lokale Stauung und im weiteren, den ganzen Körper betreffende Lymphabflussstörungen untersucht werden. Die Untersuchung erfolgt optisch (Schwellung, Rötung, verstrichene Konturen, Einschnürungen der Strümpfe,...) und wird unterstützt durch die Palaptionsfähigkeit des Untersuchers. Hier tasten sich zum Beispiel kleine Knötchen, teigiges Unterhautgewebe, lokale Wärmedifferenzen, ein lokaler Schmerz läßt sich bei wenig Druck auslösen. Manuelle Medizin und osteopathische Medizin beschäftigen sich immer mit den Regulationskreisläufen im Körper und wollen durch gezielte manuelle Techniken die Rückstellkräfte aktivieren. Das Lymphsystem als Transportsystem, Boten- und Nährstoffüberbringer sowie als wichtiger Schmerzinduzierer muss immer in die Behandlung miteinfließen. Eine manualmedizinsche Behandlung von Fasziendistorsionen oder Gelenkblockierung wird immer die Lymphbahnen mitbehandeln. Ein Rückstau von Lymphe im Bauchraum ist für in viszeraler Osteopathie ausgebildete Ärzte und Therapeuten gut zugängig und eine dankbare Behandlungsmethode. Dazu kommen gezielte Techniken auf die großen Lymphbahnen im Brustkorb, die den Unterdruck im System wieder herstellen und die Zirkulation anregen. Die Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten, die in manueller Lymphdrainage ausgebildet sind, ist Gold wert. Als Arzt ist kritisch zu hinterfragen, ob der Einsatz von Schmerzmitteln, die auf die Entzündungskaskade wirken, weiterhin sinnvoll ist. Es besteht die Möglichkeit auch anders auf die lokalen Stoffwechselreaktionen Einfluß zu nehmen. Nitrosativer Zellstress wird gut durch hohe Vitamin B12-Gaben gegenreguliert. Oxidativer Zellstress und das massive Vorhandensein von freien Radikalen erfordern Antioxidantien. Es gibt diverse Homöopathika die unterstützend wirken können. Simple Maßnahmen wie Zink-Leimverbände oder Quarkumschläge können unterstützend eingesetzt werden. Chronischer Schmerz und Entzündung sollten zusätzlich zu allen flankierenden Maßnahmen auch unter dem Gesichtspunkt des Beteiligten Lymphsystems betrachtet werden. Manuelle Medizin und osteopathische Medizin können sehr sinnvolle Ergänzungen sein.

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